... zur Geschichte einer Region an der Unterelbe - die Prignitz-
Die nachfolgenden Zeilen sind kein Ersatz für ein Geschichtsbuch; sie sind lediglich als Ergänzung zu dem im Internet veröffentlichten Brief des Gebhard zu Putlitz vom 16.01.05 gedacht.
Die Familie Gans zu Putlitz hat über Jahrhunderte in der Prignitz eine wichtige Rolle gespielt. Ihre örtliche Familiengeschichte ist eingebettet in die große Geschichte, ist Teil der Ostkolonisation, und es soll hier der Versuch gemacht werden, zumindest die großen Linien dieser Politik über die Jahrhunderte aufzuzeigen:
In der Völkerwanderungszeit entstand östlich der Elbe durch den Wegzug germanischer Stämme ein siedlungsarmer Raum.In dieses Gebiet rückten slawische Stämme ein. Grenze zwischen Germanen bzw. Deutschen und den sog. Elbslawen war im Großen und Ganzen die Elbe. Das Reich Karls des Großen reichte also bis zur Elbe.
Die Beziehungen zwischen diesen beiden Volksgruppen waren instabil.Die Nachfahren im fränkischen Reich sahen sich immer wieder genötigt, ihren Nachbarn mit Waffengewalt zu zeigen, wer hier gegebenenfalls das Sagen hat. Slawen drangen in Schwächeperioden meist plündernd in das Deutsche Reich ein. Im Laufe der Zeiten ging dann der militärische Druck immer mehr von deutscher Seite aus. Die Slawen wehrten sich, soweit es ihnen möglich war. Ihr Widerstand schwand allmählich dahin. Heute legen nur noch Ortsnamen und alte Urkunden von diesen instabilen Zeiten Zeugnis ab:
929
Schlacht bei Lenzen
939
Markgraf Gero lässt elbslawische Fürsten ermorden
9. u. 10.Jahrhundert
Überfälle auf Hamburg
982 u. 983
Slawenaufstände, die Ostgrenze muss auf die Elbe zurückgenommen werden
1066
Zerstörung von Haithabu
1106
Ermordung des Slawenfürsten Gottschalk in der Kirche zu Lenzen
1134
Lübeck wird zerstört
1147
Slawenkreuzzug, ein blutiger Rachefeldzug gegen die Slawen.
Es wird nun aus dem "Ploetz" zitiert:
Während Konrad in den Orient aufbricht (zweiter Kreuzzug 1147- 1149) erfüllen die sächsischen Großen ihr Kreuzgelübde durch den so genannten Wendenkreuzzug gegen die Slawenstämmen der südlichen Ostseeküste. Heinrich der Löwe kämpft gegen die Obodriten, Albrecht der Bär, Erzbischof Friedrich I. von Magdeburg und Bischof Anselm von Havelberg ziehen vor das (bereits christliche!) Stettin.
Beide Unternehmungen fördern mittelbar die kirchliche und herrschaftliche Durchdringung der Küstenländer zwischen Elbe und Oder. Vereinfacht gesagt: Zwischen 800 und 1200 gab es neben längeren friedlichen Perioden Zeiten gewalttätiger Auseinandersetzungen. Keine vierhundert Jahre Krieg aber auch keine vierhundert Jahre gedeihlichen Zusammenlebens, wie es sich z. B. im Obermaingebiet entwickelt hatte.
Und nun zu der Familie Gans edle Herren zu Putlitz:
Nach Gebhard zu Putlitz stammt diese Familie von der sog. Gänseburg bei Pollitz , Pollitz ist übrigens ein slawischer Name. Wir dürfen davon ausgehen, dass sie ursprünglich nicht zu Putlitz sondern einfach Gans hießen. Sie waren vermutlich erfolgreiche Großbauern mit Kontakten zu "höheren Kreisen". Diese Familie Gans hatte einen etwas befestigten Hof. Das Wort Burg muss man in diesen Fall wohl "kleinschreiben". Gans, das war damals ein gebräuchlicher Familienname, ähnlich wie z. B. Rüb, Korn usw.
Im Namenlexikon von Bahlow findet sich unter dem Stichwort Gans "indirekter Berufsname Gans", d. h., diese Leute waren vermutlich mit der Gänsezucht sehr erfolgreich und dadurch weithin bekannt.
Von ihrem Hof in Pollnitz beobachteten sie mit Interesse und Aufmerksamkeit die Vorgänge um die sog. Ostkolonisation. Prignitz und Putlitz, das liegt fast vor ihrer Haustür, das hatten sie sich schon lange "ausgeguckt"; und als die Verhältnisse günstig erschienen, da drang man erfolgreich in die Prignitz ein und machte den Versuch, eine reichsunmittelbare Herrschaft zu begründen. Dieser Versuch misslang und die Familie Gans musste sich mit der Stellung als Lehensabhängige begnügen. Sie rückten als Edle Herren zu Putlitz in den niederen Adel auf (Freiherrenstand). Als Edle zu Putlitz waren sie über Jahrhunderte für sich, für die Prignitz und für den jeweiligen Landesherrn erfolgreich tätig, und der Familienname Gans ist ihnen bis heute geblieben als Erinnerung an einen weiten Weg.
-Kaiser Rotbart schreibt an Johann GANS, 1174 -
Die herausragende Stellung der Familie Gans in früherer Zeit ergibt sich auch aus dem als Urkunde überlieferten Brief von Kaiser Friedrich I. an Johann Gans in "Sehusene" (=Seehausen).
In der Übersetzung aus dem Lateinischen (mit Vorbehalt) lauten die ersten Zeilen dieses Briefes:
-Friedrich, durch Gottes Gnade Römischer Kaiser und ewiger Augustus. L., dem Archidiakon (=Klostervorsteher). des Klosters zu Seehausen und allen Priestern der Wische (im lat.Text heißt es "prato", also "Wiese", gemeint ist die Wiesenlandschaft am Westufer der Elbe in der Nähe der Gänseburg bei Pollitz)
und auch Johann Gans oder Jon ("Jon" ist die slawische Variante von Johann) und allen Adeligen (benutzt wird hier im Original der Begriff "baronibus", darin steckt das althochdeutsche Wort "baro"= freier Mann, also "freier Herr" o.s.ä.) und dem gesamten Volk eben dieser Wische, seine Gnade und alles Gute . -Inhaltlich weist der Kaiser den Archidiakon zu Seehausen Johann Ga n s und alle Einwohner der Wische an , sich zu dem Bistum Verden zu halten.
Wer damals in der Wische das Sagen hatte, das ist aus diesem Brief zu ersehen, nämlich besagter Johann Gans.
Eines ist sicher, der Kaiser wendet sich mit seinen Anweisungen an einen mäch¬tigen Freien, an einen,der zum Hochadel gehört.
Über die Familie Gans gibt es eine Fülle von Urkunden.Im "Codex diplomaticus Brandenburgensis" von Riedel heißt es u.a. auf S.272:
"Was aber vorzüglich die hohe Stellung der Putlitzschen Familie unter dem Brandenburgischen Adel in unzweideutiger Weise zu erkennen giebt, ist theils der ihr seit der ältesten Zeit beständig eingeräumte Vorrang vor den gewöhnlichen adlichen Geschlechtern, und anderntheils die nach dem altern, sehr bestimmten Canzleistyl nicht zufällige Beilegung von Prädicaten, welche sie den fürstlichen und reichsgräflichen Personen gleichstellten und dem gewöhnlichen Adel entschieden überhoben."
Auf S.275 wird auf den über Jahrhunderte sich hinziehenden Abstieg des Familie
Gans hingewiesen:
"...die Einkünfte aus einer durch häufige Kriegsleiden geschwächten, wenn auch noch so ausgedehnten Herrschaft erschöpfenden Aufwand ab. Diese Art von Aufwand erlaubte den Edlen Herrn zu Putlitz nicht, durch eine ähnlich glänzende, beinahe fürstliche Hofhaltung sich auszuzeichnen.Viele bloß rittermäßige Familien der Mark Brandenburg waren bald an Besitzungen und Einkünften reicher, als das alte edle Geschlecht, was auf der Putlitzburg die Grenzen des Landes beschirmte."" So wurde allmählig des alten Verhältnisses der Edlen Herrn Gänse in der Mark ziemlich vergessen: nur daß auch im Style der landesherrlichen Canzley,ihnen stets das Prädicat Edle
beigelegt wurde, während gewöhnliche Adlige nur Veste angeredet wurden." So ist der Familie Gans heute nur noch das Prädikat Edle geblieben.
Frankfurt A.M.
Wolfgang Thaetner